Baugeschichte

Text von Reinhard Ruge

DetailNashorn

Die erste Orgel kam der Überlieferung nach aus der Klosterkirche zu Marienkamp bei Esens („olde Kloster“)mit Aufhebung des Klosters um 1530 nach Dornum.Sie hatte ihren Platz offenbar an der Südseite der Kirche. Über die weitere Geschichte dieser Orgel im 16. und 17. Jahrhundert ist leider nichts bekannt, da das Dornumer Burgarchiv 1721 abbrannte. Die heutige Orgel wurde 1710/11 erbaut, wie aus einer Inschrift auf dem Posaunenbecher des Tones A hervorgeht. Den Namen des Orgelbauers wissen wir aus dem Privileg, das der Fürst Georg Albrecht am 27. Januar 1711 Meister Gerhard von Holy für den Orgelbau im Haringerland ausstellen ließ. Die dafür nötige Empfehlung hatte der Präsident der Herrschaft Jever und Patron der Dornumer Kirche Haro Joachim von Closter ausgestellt.

Sie lautet:

Wann der Orgelbauer Gerhard Holy gebührend angestanden, ihm ein Zeugniß über der conduite, so er in übernehmung sowohl des hiesigen alß Dornumer Werks geführet, mitzutheilen, alß habe solches ihme nicht verweigern, sondern hiermit gerne attestiren wollen, daß er sich darbey des pretii halber sehr raisonnable bezeiget, nicht weniger auch durch die arbeit, die er darann bereits verrichtet, gnugsam an den Tag geleget habe, daß er seine Kunst sehr wohl verstehe, folglich mit recht verdiene, anderen bestens recomandiret zu werden, welches ich denn auch hiermit zu thun kein bedencken getragen. Jever den 22ten Jan. 1711 Hochfürstl. anhalt. Bestalter Etats-Rath, President und Landdrost der Herrschaft pp. H.J. von Closter
(überliefert im Staatsarchiv Aurich)


Die Vollendung des Orgelbaus bezeugt das gemeinsam abgefasste „Attestatum“ des Norder Organisten Johann Jacob Druckenmüller und des Jeveraners Kantors Adrian Bohlen:

Na de maal op Respe Ordre ende begeren Sr. Hoog wel geboren Excellence de Heer von Dornum, ende de beide Heren Kerken Voorstander Hillert Hillers, ende Gero Focken ook de gantsche gemeente van der Heerschop Dornum wy onden benaamde begeert worden, die in de Dornumer Kerke van de Orgelmaaker Herr Gerhard van Holy van de zuider na de West ziede verlegte ende met een a parte Pedal vergrote Orgel te examinieren, ende te visitieren, wy ook alle dinge goet en wel onderzogt hebben. Als konnen wy voorsz. Heer Holy dit onvervalschte getuigenis geven, dat hy alles wel en onberispelyk heeft veerdig gemaakt, ende den dieswegen opgerigten Contract als ein Meester volkomen vernoegt. Oorkonde onze eigen hande onderschrift, zo geschieden Dornum den 18. Decembr. 1711. Johann Jacob Druckenmuller A Bohlen Cant. te Jever
(Gemeentearchief Zwolle)

Die hier bezeugte Verlegung der Orgel an die Westseite der Kirche mit gleichzeitiger Vergrößerung um ein selbständiges Pedal war offenbar der letzte, ursprünglich gar nicht geplante Bauabschnitt. Denn der Befund zeigt eindeutig, dass die ganze Orgel von Holy neu erbaut wurde. Gut zu erkennen ist auch, dass das Hauptwerksgehäuse ursprünglich nach beiden Seiten hin geschlossen konzipiert war und die Pedalgehäuse erst nachträglich angebaut wurden. Auch das Brustwerk war offenbar zunächst nicht vorgesehen, sondern wurde nachträglich zwischen Hauptwerk und Spielanlage auf äußerst geringemRaum untergebracht mit einer nur kleinen, mit Schiebetürchen verschließbaren Öffnung für den Klangaustritt. Pfeifenreihen aus der Vorgängerorgel (heute noch 6) finden sich lediglich im Hauptwerk und Rückpositiv, also in den von Anfang an geplanten Werken.

Holy Orgel innen

Der opferfreudige und kunstverständige Dornumer Burgherr und Kirchenpatron Haro Joachim von Closter, der schon Portal, Turm und Park seines Schlosses hatte anlegen lassen und in der Kirche Kanzel und Altar gestiftet hatte, wird wohl angesichts des sich abzeichnenden guten Gelingens der Orgelbauarbeiten in der Stadtkirche zu Jever (1710) und in Dornum Meister Holy noch während des Baus mit der Vergrößerung der Orgel um ein Brustwerk und ein selbständiges Pedal beauftragt haben, wobei dann die Verlegung auf die Westseite erforderlich wurde, weil der Platz an der Südseite nicht mehr ausreichte. Die so entstandene Größe der Orgel übersteigt alles, was in Ostfrieslands Dorfkirchen sonst anzutreffen war und ist.

Gerhard von Holy war 1686 in Aurich geboren, hatte wahrscheinlich bei Arp Schnitger in Hamburg gelernt und wirkte von 1709 bis 1718 in Ostfriesland. Von seinen hiesigen Neubauten sind nur die beiden Orgeln in Marienhafe und Dornum bis heute erhalten geblieben. Sie sehen sich sehr ähnlich und weisen in der Prospektgestaltung des Hauptwerks und des Rückpositivs mit polygonalem Baßturm in der Mitte, den Spitztürmen mit den Pfeifen der Tenorlage außen und zweistöckigen Flachfeldern mit Diskantpfeifen dazwischen den Erbauer augenfällig als Schnitger-Schüler aus. Noch üppiger als bei Schnitger ist das Schnitzwerk, mit dem die Pfeifenfelder und Gehäuse umgeben sind.

Reparaturen an der Orgel, 1764 durch Hinrich Just Müller (Wittmund), 1836 durch Arnold Rohlfs (Esens) und 1842 durch Gerd Sieben Janssen (Aurich) hatten offenbar nur erhaltenden und keinen verändernden Charakter. Noch im Jahre 1857 schätzte man die Orgel gerade in dieser Disposition sehr hoch, wie ein Brief des Lehrers H.J. Sundermann aus Hesel zeigt:

Wenn man die Kraft und Lieblichkeit, dazu die Vollständigkeit und fast alles an einer Orgel sonst Wünscheswerte beisammenfinden will – so muss ich auf die herrliche Orgel in der Kirche zu Dornum hinweisen -; wie ich überhaupt kein Werk in Ostfriesland gefunden habe, das ich so hoch stellen kann. – Wenn ich eine Orgeldisposition aufzustellen hätte, so würde ich sie stets der Dornumer Orgel möglichst genau nachbilden. Ihr Erbauer war wahrlich ein Meister
(aus den Orgelakten in Pewsum)

1883 aber hatte sich der Zeitgeschmack dann doch so sehr geändert, dass man ihm die Disposition anpasste. Der Norder Orgelbauer Johann Diepenbrock führte zusammen mit einer Reparatur zugleich einen Umbau durch, bei dem sieben neue Register (darunter Bordun 16´, Streicherstimmen und durchschlagende Zungen) unter Aufgabe von 7 Originalregistern eingebaut wurden, außerdem neue Klaviaturen, neue Registergriffe, ein vorgebauter Spielschrank und ein elektrisches Gebläse. 1917 wurden dann noch die Prospektpfeifen (Prinzipale von Rückpositiv, Hauptwerk und Pedal, also 3 weitere Register) für die Kriegsrüstung abgeliefert. Sie wurden erst 1932 durch Zinkpfeifen ersetzt.

Im Zuge der Orgelbewegung wurde 1935-37 eine gründliche Instandsetzung der Orgel mit Wiederherstellung der ursprünglichen Disposition durchgeführt, und zwar von Furtwängler & Hammer (Hannover) nach dem Plan von Christian Mahrenholz. Dem damaligen Standard entsprechend wurden dafür fabrikmäßig hergestellte neue Pfeifen verwendet. Auch Traktur und die Klaviaturen wurden teilweise erneuert. Erst 1952 wurde die Orgel vom Landeskirchenamt Hannover unter Denkmalschutz gestellt.

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Ab 1960 verschlechterte sich der Zustand der Orgel zusehends aufgrund starkerVerschmutzung des Orgelinneren durch Renovierungsarbeiten in der Kirche und Reißen der Holzteile durch eine Warmluftumwälzheizung. Die Orgelbauwerkstatt Alfred Führer (Wilhelmshaven) reparierte 1969 die schlimmsten Heizungsschäden und baute 1980 die umknickenden (weil schief stehenden) Posaunen- und Trompetenbecher der Pedaltürme aus.

Im Zuge einer umfassenden Kirchenrenovierung mußte 1992 wegen teilweiser Abtragung des Westgiebels auch die Balganlage ausgebaut werden. 1994 wurde durch den Sachverstädigenausschuss der Landeskirche ein Rahmenplan für die umfassende Restaurierung der Orgel nach denkmalpflegerischen Maßstäben aufgestellt, die dann 1997(98 von der Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend (Leer-Loga) durchgeführt wurde.

Dabei wurden alle schadhaften noch originalen Teile repariert, alle veränderten Originalteile restauriert und alle nicht mehr original vorhandenen Teile rekonstruiert. Die Gehäuse bedurften einer sehr aufwendigen Instandsetzung; ihre Unterteile hatten sich nach vorne geneigt, während die Oberteile durch Eisenanker festgehalten wurden und sich daher nach hinten neigten. Die Profilkränze waren aus dem Leim gegangen und die Bälge, Windkanäle, Windladen und Holzpfeifen vielfach gerissen und völlig undicht. Rekonstruiert werden mußten Teile der Traktur, die gesamte Spieltischanlage und 12 Register einschließlich der Prospektpfeifen sowie die erweitert mitteltönige, in den gebräuchlichen Tonarten besonders reine Stimmung.

Die Wiedereinweihung der Orgel fand am 17. Januar 1999 statt. Das mittlerweile als nationales Denkmal anerkannte Kunstwerk hat durch die Restaurierung der Orgelbauwerkstatt Ahrend seine alte Klangpracht, von der in den letzten Jahrzehnten nur noch kümmerliche Reste zu hören waren, in beglückender Weise voll zurück erhalten. Von dem wertvollen historischen Pfeifenbestand stammen noch 6 Register mit sehr alten, schweren Bleipfeifen aus der Vorgängerorgel und 14 von Gerhard von Holy, worunter sich 4 Flötenregister aus Eichenholz befinden. Auch die Balganlage mit 5 Keilbälgen ist original erhalten.

Der äußere Eindruck der Orgel hat sich durch die Entfernung der Farbfassungen sehr verändert. Seit 1959 war das Gehäuse in Weiß, Grün, Anthrazit und Grau gefasst gewesen, davor in brauner Holzmaserung mit goldenen Profilen und davor weitgehend in Weiß, im Sockelbereich in Grau. Mindestens die ersten 70 Jahre aber hatte es ungefasst in Eiche natur gestanden. Dieser Zustand wurde wiederhergestellt.