Stimmung der Orgel

Text von Reinhard Ruge
Bei der Stimmung der Dornumer Orgel handelt es sich – der Zeit um 1700 entsprechend – um eine Übergangsform von der konsequent mitteltönigen zur wohltemperierten Stimmung. Dabei haben die gebräuchlicheren Tonarten noch ziemlich mitteltönige Intervallverhältnisse, zugleich aber sind auch die entlegenen Tonarten nicht mehr ganz unbrauchbar. Eine Wolfsquinte gibt es nicht mehr; der Quintenzirkel ist bereits geschlossen.
Die unten stehende graphische Darstellung soll die wichtigsten Intervallverhältnisse veranschaulichen: Der Quintenzirkel und das Quintengraphikfeld darunter zeigen, daß 7 Quinten hintereinander (die auf F, C, G, D, A, E und H) um 1/5 pythagoreisches Komma vermindert, 2 (auf Gis und Es) um denselben Wert erweitert und 3 (auf Fis, Cis und B) rein gestimmt sind. (Die Abweichungen zu den innen im Kreis dargestellten gleichstufig temperierten, d.h. um 1/12 pythagoreisches Komma verminderten Quinten, sind deutlich sichtbar.)
Durch diese Temperierung der Quinten ergeben sich 4 große Terzen (auf F, C, G und D), die fast rein sind und deren sanfte Schwebungen mit denen der Quinten übereinstimmen, so daß die daraus zusammengesetzten Durdreiklänge wohltuend rein klingen. Die Abweichungen der großen und kleinen Terzen von den jeweiligen reinen Intervallen (386,3 bzw. 315,6 Cent) sind in den beiden unteren Graphikfeldern dargestellt.
In allen drei Feldern läßt sich auch der Vergleich mit der gleichstufigen Temperatur anstellen, wenn man beachtet, dass bei dieser die Centwerte für alle Quinten 700, alle großen Terzen 400 und alle kleinen Terzen 300 betragen. In der Kolumne rechts neben dem Quintenzirkel sind die Centwerte für jeden Halbton, bezogen auf C, angegeben.
Für die Organist(inn)en ist es wichtig zu wissen, daß die Durdreiklänge auf F, C, G und D am reinsten, auf B und A auch noch ziemlich rein, auf E und Es etwa gleichstufig temperiert, auf H noch gerade wohltemperiert (pythagoreische Terz), auf Gis/As schon unangenehm überhöht, auf Fis und Cis aber stark überhöht klingen. Die letzten drei sind an exponierter Stelle im Pleno nicht verwendbar, wohl aber bei sanfter, grundtöniger Registrierung oder bei Quartvorhalt, Triller oder hinzugefügter Septime. Unter den Molldreiklängen klingen die auf Es, B und F extrem traurig, sind aber nicht unbrauchbar.
Mit dieser erweitert mitteltönigen Stimmung läßt sich nicht nur die gesamte mitteltönige Orgelliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts sehr angemessen darstellen, sondern auch ein großer Teil der Kompositionen des 18. Jahrhunderts und nicht wenige auch aus späteren Musikepochen sehr reizvoll interpretieren.
Die folgenden Abbildungen lassen sich durch Anklicken vergrößern:

OrgelstimmungAnordnung der Registerzüge

Disposition der Dornumer Orgel